Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
in einem Buch mit dem Titel: „Getroste Verzweiflung – eine Auswahl von Lutherworten“ fand ich ein Wort, dass mich direkt ansprach und sehr zum Nachdenken brachte.
„Wir müssen unter denen gefunden werden, für die Christus spricht: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Dieses Wort Jesu von der Vergebung steht in der Lukaspassion (23,34) und wird dort zunächst von denen gesagt, die Jesus kreuzigen – ihn an das Kreuz schlagen – den römischen Soldaten.
Warum soll ich mich nun mit ihnen identifizieren? Weil das Kreuzigen Jesu nicht einfach etwas ist, was wir „denen da“ in die Schuhe schieben können, und uns selbst dabei als „neutrale“ Zuschauer verstehen können. Die Kreuzigung Jesu geschah, weil ein ganzes System es nicht verkraften konnte, was dieser Mann aus Nazareth verkündete. Er sagte zum Beispiel Sündern die Vergebung Gottes zu, ohne erst zu verlangen, daß sie sich wenigstens darum bemühen sollten, ein besseres, ordentliches und sündloses Leben zu führen. Er übte gezielte Kritik an dem System des Tempels, das die Menschen ausbeutete durch religiös gesteigerten Gewissensdruck. Er rief seine Nachfolger dazu auf, alle Menschen gnädig anzunehmen, die Armen besonders zu berücksichtigen, sich um die zu kümmern, die in der Gesellschaft als unakzeptabel galten.
Fragen wir uns, an welcher Stelle würde uns der Kragen platzen, würden wir zu dem Schluss kommen: „dieser Jesus ist gefährlich – wir müssen ihn beseitigen?“ Wo ärgern wir uns daran, dass dieser Jesus die Menschen alle liebt?
Das oben zitierte Lutherwort stellt uns zu denen, die Jesus kreuzigen und ja, da gehören wir auch hin. Aber es erinnert uns auch daran, dass sogar denen die unglaublich große Gnade der Vergebung zugesprochen wird. Das führt mich in die „getroste Verzweiflung“, von der der Titel dieses kleinen Heftes spricht. Denn auch ich darf in dieser Vergebung leben—selbst wenn ich sehr oft mich an der großen Gnade Gottes stoße. Gott schenke uns diesen Trost.
Mit herzlichen Grüßen,
Pastor Felix Meylahn